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Systemische Familientherapie: Eine Kasuistik

von Rosemarie Schuckall

Familientherapie ist ein psychotherapeutisches Verfahren, das darauf abzielt, Probleme der familiären Kommunikation und Störungen, die in Folge dessen entstanden sind, zu behandeln. In dieser Therapiemethode ist das Behandlungsobjekt das familiäre Beziehungssystem sowie die gestörten verbalen wie nonverbalen Kommunikationsmuster. Die zutage kommenden Strukturen und Muster dienen dazu, die entstandenen Beziehungsblockaden, Störungen und Konflikte sichtbar werden zu lassen und, wenn möglich, zu lösen Primäres Ziel ist dabei, ein gemeinsames, allen Familienmitgliedern verständliches Kommunikationslevel zu erarbeiten. Der Fluss eines intakten Interaktionsmuster ist dabei im Mittelpunkt der Bemühungen. Im Falle einer systemischen Familientherapie geht es u. A. auch um all jene Mythen, emotionale Stereotypen und Rituale, die bislang eine negative Homöostase aufrecht erhalten. Die Familie wird bei dieser Therapievariante grundsätzlich als ein selbstregulierendes, kybernetisches System betrachtet, das auch um den Preis von Symptomen ihrer Mitglieder ein Gleichgewicht aufrecht zu erhalten sucht.

Anamnese und Falldarstellung

Im nachfolgenden Fall geht es um die Problematik und Therapie einer gut situierten Akademikerfamilie, die sehr darauf bedacht ist, ihren äußeren Schein zu wahren. Um dies zu ermöglichen, haben sie viele Aktionen und seelische Verwindungen auf sich genommen, die sich vorwiegend in Verschweigen und Nicht-Sichtbar-Werden-Lassen von Konflikten und Problemen darstellen. Die bisher einzige Entlastung und Gegenregulation bietet sich in der Person der kleinen behinderten Tochter (8J.), die wegen ihrer Störung nach außen hin öfters mal über die Strenge schlagen darf und der die Familie viel Aufmerksamkeit widmet. Es wurde schnell klar, dass das Kind durch dieses Zuviel an Zuwendung, das wohl eine unbewusste Umleitung der eigenen, unterdrückten Bedürfnisse u. Gefühle der Familienmitglieder darstellt, völlig überfordert ist. Dieses ist eine eingefahrene Reaktionsweise, die sich so stabilisiert hat, dass die Familie kein sinnvolles Gleichgewicht mehr herstellen kann. Das Kind zeigt eine Lernbehinderung und hat damit einen vergleichsweise schweren Stand in der normalen Grundschule. Zur Kompensation hat die Familie den Druck auf die Kleine erhöht und sie reagiert entsprechend aggressiv und gereizt. Seit einigen Monaten nässt sie nachts auch wieder ein. Die Eltern, die sehr zurückgezogen leben u. wenig Kontakt nach außen pflegen, erscheinen in ihrer Präsentation überkontrolliert und rigide selbstdiszipliniert.

Das Familienethos ist durch eine permanente Selbstaufforderung zur Pflichterfüllung gekennzeichnet. Man gönnt sich selten Urlaub, allenfalls einmal im Jahr und nie weiter weg von zu Hause. Die Mutter, die ihr Studium als Jahrgangsbeste abschloss hat, hatte ihre beruflichen Ambitionen nach der Geburt der ersten Tochter zugunsten ihres Mannes zurückgestellt, fühlt sich aber von ihrer Hausfrauentätigkeit nicht genügend gefordert u. sucht permanent nach Ausgleich. Sie neigt dazu, sich nicht nur im Haushalt, den sie perfekt halten möchte, zu überfordern, sondern zeigt eine Reihe von Parallel-Engagements, wie z.B. ehrenamtliche Tätigkeiten in der Schule, wo sie Anerkennung sucht und findet, die sie offenbar von ihrem Partner nicht bekommt. Der Ehemann nimmt ihre häuslichen und sonstigen Bemühungen kaum zur Kenntnis. Sie fühlt sich unbegehrt und dadurch unattraktiv. In ihrer Mutterschaft begreift sie sich als (rigide) Vorbildfunktion, wo sie auch ihre ältere Tochter überfordert, indem sie die an sich selbst angelegten Leistungsprinzipien und Selbstausbeutungsmethoden auch ihr abverlangt. Die Frau ist der festen Meinung, dass die ältere, 15jährige Tochter schon erwachsen genug sei, um all diese Forderungen einsichtsvoll zu erfüllen. Anamnestisch auffällig ist, dass sich die ältere Tochter in letzter Zeit mehr und mehr zurückgezogen hat und sehr schweigsam geworden ist. Ganz offensichtlich vermeidet sie den Kontakt zu ihren Eltern, liegt oft wie apathisch in ihrem Zimmer und schließt sich regelmäßig ein. Seit einigen Monaten kommt sie unregelmäßig zu den Essenszeiten oder versucht mit zahlreichen Ausreden, die Teilnahme am gemeinsamen Essen zu vermeiden.

Die Mutter ist beunruhigt, da das Mädchen sehr an Gewicht verloren hat. Sie wollte zunächst den Vater in ihre Besorgnis nicht miteinbeziehen, sondern die vermutete Konfliktsituation mit der Tochter alleine klären.

Im ersten Eindruck wirkt die 15jährige kompetent und eher angepasst. Es wird aber deutlich, dass sie zwar oberflächlich bei allem mitmacht, aber wahrscheinlich unbewusst rebelliert, indem sie wohl eine Ess-Störung vom Anorexietyp entwickelt hat. Ganz offensichtlich folgt sie einer Psychodynamik, das viele Pubertierende wählen, nämlich Ablösung, Abgrenzung vom Elternhaus, Wahrung der eigenen Persönlichkeit im protesthaftem Rückzug vom gemeinsamen Essen zu dokumentieren.

Der Familienvater ist komplett in seine Arbeit involviert. Er arbeitet oft bis sehr spät in die Abendstunden hinein und wird regelmäßig auch am Wochenende von seiner Firma zur Hilfe gerufen. Der leitende Computerfachmann argumentiert diesen Umstand entschuldigend damit, dass in seinem Umfeld sehr viel jüngere Kollegen arbeiteten, die alle Singles seien und an deren Vorgaben er sich anpassen müsse, um nicht seine Position zu gefährden. Er ist der tiefen Überzeugung, die Familie ausschließlich allein ernähren zu müssen und wirkt in seinen Darstellungen zudem sehr von der Vorstellung fixiert, seiner Frau die berufliche Karriere vorenthalten zu haben und ihr nun ein vergleichsweise finanziell besonderes Leben bieten zu müssen. Er bemerkt dabei gar nicht, dass er sich in seinem Bemühen, Unheil von der Familie abzuhalten, schon mit großen Schritten von der Familie entfernt hat. Mit seiner Frau redet er grundsätzlich nicht über seine Ängste und Sorgen und meint alleine alles im Griff halten und bewältigen zu müssen. Erst mit den sich entwickelnden Schwierigkeiten der kleinen Tochter, so wie der immer deutlicher werdenden Abmagerung der 15jährigen, macht sich in ihm ernstliche Unruhe bemerkbar, wie auch der Gedanke, dass etwas im Zusammenhalt der Familie nicht mehr stimmen könne.

Ein von ihm initiierter Besuch beim Hausarzt erbrachte die Notwendigkeit einer Familientherapie, was die Familie zu mir führte.

Die ersten Sitzungen

1. Stunde

Ich frage die Familie, die zu dritt erschienen war, einzeln nach ihren Zielen für eine potentielle Therapie und was sie als ein gutes Ergebnis einer entsprechenden Behandlung empfänden.

Die Mutter äußert, daß sie wünsche, daß die kleine Tochter sich in ihrem Gesamtverhalten geordneter benähme, besser in der Schule wäre, besonders in Mathematik und Deutsch, und mit dem Einnässen aufhöre. Der Vater wünschte sich, daß die Familie wieder besser zusammenhielte und er eine bessere Kontrolle über sie habe. Dabei kommt überraschend heraus, daß es noch ein weiteres Familienmitglied, nämlich eine 15jährige ältere Tochter gibt, die beim heutigen Gespräch nicht dabei ist. Sie wurde wohl schlichtweg vergessen. Als ich auf diesen Umstand aufmerksam mache, herrscht plötzlich Stille im Raum, und es macht den Anschein, als ob dieses Vergessen nicht nur peinlich ist, sondern auch in irritierender Weise der Familie erst gerade bewußt wird. Ich stelle klar, daß die Familie eben nicht komplett sei und daß wir sinnvollerweise in einem zweiten Termin unseren Kontakt wieder aufnehmen sollten, denn ich müsse mir ja ein vollständiges Bild der Familie machen können.

2. Stunde

Die Familie kommt nun komplett zu viert. Sie äußern alle spontan einen hohen Leidensdruck. Im Zentrum der Elternklagen stand die kleine Tochter mit ihrem nächtlichen Einnässen. Zudem hätten die schulischen Leistungen der älteren Tochter, die früher immer gut in der Schule gewesen war, in letzter Zeit erheblich nachgelassen. Von den Eß-Störungen war zunächst nicht die Rede. Die Eltern äußern auch beschämt, daß sie noch nie eine psychotherapeutische Behandlung in Anspruch genommen hätten und daß sie nur hier wären, weil der Hausarzt dies so dringend empfohlen habe. Die 15jährige Tochter, die schon auf den ersten Blick ausgesprochen mager aussieht, wird in den Klagen kaum weiter thematisiert. Im Focus bleibt hauptsächlich die kleinere Tochter, wobei die Eltern ihre Schwierigkeiten und besonderen Anforderungen infolge deren Symptomatik beklagen.

Ich befrage die Familie nochmals nach einem Therapieauftrag und entsprechenden Zielen, was jetzt nur vage und widersprüchlich definiert werden kann. Die Äußerung summieren aber in einem Auftrag, festzustellen, wie es wieder zu einem normalen Familienklima kommen könne, sowie zu eruieren, wie diese "ungute Situation" überhaupt entstehen konnte. Auffällig war dabei, daß die Kinder der Familie einen recht nervösen Eindruck machten und den Formulierungen des Vaters wohl skeptisch entgegenstanden. Es wurde recht spürbar, daß es wohl Unterschiede zwischen der Auftragsformulierung der Eltern und den Vorstellungen der Kinder geben müsse, wobei die Kinder nicht in der Lage waren, diese Vorstellungen näher zu definieren. Mehr als "daß es anders ist, nicht so blöd wie jetzt" war ihnen nicht zu entlocken.

Um einen Eindruck von den tatsächlichen Wünschen und den jeweils projektiven Vorstellungen und Beziehungsebenen der Familie zu bekommen, beschloß ich, diese Fragen mit Hilfe des sog. zirkulären Fragens zu klären.

Das folgende ausschnittsweise Transkript eines zirkulären Interviews soll einen Eindruck von dieser Technik der projektiven Zuschreibung und damit der tatsächlichen inneren Wirklichkeit der Familienmitglieder vermitteln.

Zirkuläres Fragen und wie es funktioniert

Das sogenannte zirkuläre Fragen ist eine der wichtigsten Methoden des systemischen, familientherapeutischen Instrumentariums. Mit seiner Hilfe werden individuelle Projektionen und fixierte Vorstellungen der einzelnen Familienmitglieder in Bezug zu einem anderem Familienmitglied eruierbar. Jedes Familienmitglied wird aufgefordert, sich in die Vorstellungswelt oder auch ein bestimmtes Problem des anderen hineinzudenken und auszudrücken, wie dieses Familienmitglied zu einem bestimmten Problem denkt, fühlt, oder wie es dieses Problem aus seiner Sicht ausdrücken würde. Mit dieser Methode werden die Projektionen und Zuschreibungen der Familienmitglieder offenbar und können in der nachfolgenden Diskussion bestätigt oder eben auch berichtigt werden. Auf diese Weise treten mitunter ausgesprochen überraschende Meinungen und Haltungen zu Tage, die den Mitgliedern des Familiensystems bisher unbekannt geblieben waren.

Zirkuläres Erstinterview

Äußerungen des Vaters

Er ist der festen Meinung, daß er seine Familie nicht zufriedenstellen kann, weil er sie immer nur kritisiere und den Austausch vermeide, um sich seinerseits nicht Vorwürfen und Kritik auszusetzen. Von der kleinen Tochter glaubt er, daß sie in irgendeiner Not stecke, von ihm Hilfe benötige, die er im Prinzip auch gerne zur Verfügung stellen wolle. Er ist der festen Überzeugung, daß sie ihn eigentlich gut verstände und daß sie wisse, daß er wegen seiner Arbeitsüberlastung kaum Zeit für sie habe. Sie wisse aber, daß dies kein Liebesentzug sei.

Die heranwachsende Tochter verursache ihm erhebliche Angst und Sorgen. Ohne es genau benennen zu können, fühle er sich von ihr mehr und mehr abgelehnt. Der stetige Gewichtsverlust verärgere ihn, weil er nicht verstehe, warum sie nicht essen wolle, wo doch das Essensangebot so reichhaltig und vielfältig bei ihnen zu Hause sei. Er meint auch, den Zugang zur Tochter im Moment verloren zu haben, und glaubt, daß es sich ohnedies nicht lohnen würde, mit ihr zu sprechen, da sie ja wohl die gleiche Meinung wie ihre Mutter habe, mit der sie sehr viel mehr als mit ihm in Verbindung stände. Von seiner Frau glaubt er, daß sie ihm insgeheim böse sei, weil er sie um ihre berufliche Karriere gebracht habe und er seine Chance, eine eigene berufliche Karriere zu ergreifen, quasi auf ihre "Kosten" nutze. Er hat das Gefühl, ihr nie genug bieten zu können und ihr keinen Ausgleich für ihr Opfer zu ermöglichen. Sie erzeuge daher Schuldgefühle in ihm. Obwohl er seine Frau liebe, sei es für ihn ausgesprochen schwierig, in dieser Atmosphäre ein erotisches Gefühl für sie entwickeln zu können.

Äußerungen der Mutter

Sie glaubt, daß ihr Mann sie in ihrer Mutterrolle als Versagerin erlebe, weil es den beiden Töchtern so schlecht gehe und sie nichts Adäquates dagegen unternähme. Sie versuche daher so oft wie möglich zu beweisen, daß sie eine engagierte und kompetente Mutter sei, indem sie auch noch die unmöglichsten Anstrengungen auf sich nähme. Sie ist der festen Überzeugung, in der Familie in einem sehr negativen Licht zu stehen. Sie ist weiter felsenfest davon überzeugt, daß die kleine Tochter von ihr eigentlich nur rund um die Uhr versorgt und umhegt werden wolle, was sie aber einfach nicht schaffen könne, wodurch ein Gefühl der Inkompetenz in ihr hochkomme. Die große Tochter sei so distanziert, weil sie die Mutter eben nicht mehr brauche. Sie sei fast erwachsen und sehr selbständig und wolle uneingeschränkt ihren eigenen Weg gehen. Die Nahrungsverweigerung der Tochter beschäme sie sehr. Sie habe auch das Gefühl, daß die Tochter sie hierdurch indirekt kritisiere und als Mutter als eigentlich inkompetent verachte. Von ihrem Mann glaubt sie, daß er sie gar nicht als Frau wahrnähme und daß er sie wohl wegen ihrer Mißerfolge in der Erziehung ihrer Töchter und ihrer Insuffizienz, die Familie auf Vordermann zu halten, verachte. Sie sehne sich zwar nach der Zärtlichkeit ihres Mannes, wünsche sich, daß alles wieder so wäre wie in den ersten Ehejahren, als sie noch viel gemeinsam unternahmen und richtig verliebt waren, merke aber immer, daß da etwas zwischen ihnen stehe, was mit ihrer "Schwäche" zu tun haben müsse. Er empfände sie wohl sehr unattraktiv. Mittlerweile hätte sie sich damit schon fast abgefunden, zumal er kaum noch auf sie zukomme.

Äußerungen der älteren Tochter

Sie ist der Überzeugung, daß den Papa nur interessiere, was mit der kleineren Schwester los sei, und er sie komplett vergessen habe. Sie leide unter dem Umstand, daß er kaum mehr mit ihr rede, so wie er es früher oft getan habe, was sie sehr vermisse. Sie meint weiter, daß die Mama glaube, daß sie nichts mehr von ihr brauche, schon groß genug sei, um für sich selbst zu sorgen. Deswegen würde die Mama sich auch ihren vielfältigen Aufgaben widmen, die sie ja den ganzen Tag über in Anspruch nähmen. Sie äußert weiter, daß sie fest überzeugt sei, daß die Mutter sie gar nicht wahrnähme, vor allen Dingen auch nicht ihre Sehnsucht nach Geborgenheit und dem Gefühl, von ihr gelegentlich mal in den Arm genommen zu werden, um bei ihr auch den Schulstreß ein bißchen abzuladen und um auch mal wieder Kind sein zu dürfen. Es schmerzt sie sehr, daß die Mutter denke, daß sie keine Unterstützung und keine Nähe mehr brauche, wo sie sich mitunter doch sehr bedürftig fühle, auch wegen der Pubertät.

Äußerungen der kleinen Tochter

Sie glaubt, daß der Papa einfach nur "abhauen" wolle, weil er sich in unserer Familie so unwohl fühle. Das würde immer deutlicher werden und mache ihr Riesenangst.
Die Mama, die immer so blaß aussähe, müsse soviel arbeiten, und sie habe Angst, daß sie irgendwann tot umfalle, deswegen müsse sie ihr helfen, wo sie nur könne. Sie glaubt, daß die Mama das gerne habe, wenn sie ihr hilft. Zur großen Schwester äußert sie, daß sie da so ein komisches Gefühl habe, nämlich sie einerseits gern zu haben und gleichzeitig zu hassen. Dies mache ihr große Angst, denn sie wolle auf keinen Fall alleine sein und möchte die Schwester nicht verlieren. Früher hätten sie viele tolle Spiele mit ihr gespielt und richtig Spaß gehabt. Aber seit keiner mehr hier mit dem anderen rede, sei es so, wie wenn alle sterben oder einfach abhauen wollten. Und wenn das passiere, dann säße sie ganz allein da. Sie will ja auf die Mama aufpassen, damit die wieder in die Lage komme, für sie zu sorgen, und daß alles so bleibt und keiner gehen muß. Das alles fühle sich so unheimlich schwer an.

Bild1

Genogramm der Familie

 

3. Stunde

Genogramm der Familie (s.o.)

In dieser Stunde werden gemeinsam die Familienzusammenhänge nachgefragt und geklärt und ein Genogramm erstellt.
Zunächst geht es um die Kontextklärung:

Vater:
Geb. 1960; 41 Jahre; Abitur, Studium Ingenieurwissenschaften; (Heirat 1985; mit 25 J.); seit 10 Jahren angestellt in einer großen Computerfirma in leitender Position.

Mutter:
Geb. 1962; 39 Jahre; Abitur (1979); danach Studium der Sozialpädagogik (bis 1983); bis zur Geburt der ersten Tochter (1986; mit 24 J.) kurze Anstellung in einer sozialen Beratungsstelle; (Heirat 1985; mit 23 J.)

1. Tochter:
Geb. 1986; 15 Jahre; normale Geburt, erwünschte Schwangerschaft, Gymnasium. Entwickelt wohl gerade eine Eß-Störung, Typ Anorexia nervosa.

Totgeburt:
1990; Mutter, 28 J., war danach depressiv.

2. Tochter:
Geb. 1993; 8 Jahre. Sie gilt nach den bisherigen Schilderungen als Indexpatientin. Sie sei lern- und entwicklungsbehindert. Die Geburt, so berichtet die Mutter war sehr schwer, und es entstand wohl dabei ein kurzer Sauerstoffmangel. Es könnte dadurch evtl. eine "minimal brain dysfunction" entstanden sein. Es existieren auch mehrere weitere Vermutungsdiagnosen, wie z.B. ein ADHS-Syndrom, sowie auch die Möglichkeit von autistischen Zügen. Eine entsprechende fachärztliche Abklärung haben die Eltern aber nie vornehmen lassen.

Bild2

V = Vater; M = Mutter; 1. T = 1. Tochter; 2. T = 2. Tochter; B = Behinderung; TG = Totgeburt
Mit dem Auftauchen des verstorbenen Kindes gelang ein harmonisches Familienbild. Der Pfeil zeigt, daß das tote Kind die Position bei der 1. Tochter auch wieder verlassen konnte

 

4. Stunde

Familienaufstellung (s.o.)

Die Familie war nun schon zu drei Sitzungen in meiner Praxis. Der Dialog war zwar nach dem zirkulären Fragen ein Stück in Gang gekommen, war aber vergleichsweise immer noch recht karg, und es ließen sich die eigentlichen Gründe für die familiäre Konfliktlage nicht wirklich eruieren. Andererseits vermittelte die Familie ein deutliches Gefühl, daß es wohl um eine Art versteckter Schwierigkeit oder um so etwas wie ein familiäres Geheimnis gehen mußte. So entschloß ich mich zu einer Familienaufstellung mit Hilfe von Spielfiguren. Dabei fiel zunächst als wichtigstes Kriterium auf, daß es ein permanentes Aneinander-Vorbeischauen und -Vorbeilaufen gibt, sowie eine auffällig inszenierte Nähe-Distanz-Regulierung innerhalb dieses Familiensystems. Die Bedeutung der Behinderung der kleinen Tochter entpuppte sich, wie schon angenommen, als so essentieller Teil der Familie, daß sie als eigene Figur, sprich eigene Person, mit in die Aufstellung kommen mußte. Bei alledem gab es zunächst zwei besonders auffällige Muster:

1. Die kleine Tochter steht in auffälliger Konkurrenz zu ihrer großen Schwester.

2. Der Vater dominiert mit seinem Kontrollthema alle Austauschprozesse und droht immer wieder schnell zu verschwinden, ist aber dann durch die kleine Tochter wieder schnell ins System zurückzuholen.

3. Die Achse des Systems bildet die Mutter, in positiver wie negativer Aussicht, ohne dabei als Ruhepunkt wirksam sein zu können.

4. Die große Schwester hat keinen sicheren und festen Platz in diesem Gefüge. Spontan gruppiert sich die Familie um die kleine Schwester und deren Probleme, die als eigenständiges Element regulativ mitwirkt.

Erstaunlicherweise gelang es zunächst trotz großer gemeinschaftlicher Bemühungen nicht ein Beziehungsmuster aufzustellen, mit dem sich die Familie einverstanden erklären konnte. Wir waren schon dabei die Aktion abzubrechen, als die Mutter "mit der Sprache herausrückte": Nach einer forcierten Nachfrage, ob es denn noch Geheimnisse oder etwas bisher nicht Genanntes, Verborgenes gäbe, das mit in die Familienaufstellung gehöre, brach es förmlich aus ihr heraus. Mit Tränen in den Augen erzählte sie von einer Totgeburt. Nachdem dieses tote Kind, das etwa vier Jahre nach der älteren Schwester geboren wurde, jetzt als eigene Figur mit in das Familiengefüge aufgestellt wurde, gelang es eine stabilere Ordnung in das System zu bringen. Insbesondere die ältere Tochter, die deutlich näher zu dem toten Kind gerückt wurde, konnte damit ihren Platz im Gesamtsystem ein gutes Stück klarer und eindeutiger empfinden.

Zusammenfassung der weiteren Therapie

Die Behandlung, die insgesamt 23 Stunden in Anspruch nahm, hat mit der Familienaufstellung und ihrer überraschenden Wendung eine eindeutigere Zielrichtung bekommen. Was in den vorausgegangenen Stunden gänzlich ausgeblendet war, aber in der Familienskulptur sichtbar geworden ist, nämlich daß es eine Totgeburt gegeben hatte, nahm einen entscheidenden Einfluß auf die Entwicklung der Familie. Die Familiengeschichte begann sich in der Wahrnehmung ihrer Mitglieder zu ordnen.

Vier Jahre nach der Geburt der ersten Tochter war die Ehefrau noch mal schwanger geworden. Das Kind war ursprünglich nicht geplant, dennoch freute sich die Familie auf den weiteren Zuwachs. Die Schwangerschaft war relativ ohne Probleme geblieben. Als das Kind nach einer eher unkomplizierten Geburt auf die Welt kam, konnte nur noch sein Tod festgestellt werden. Wie sich eruieren ließ, wurde der Tod dieser Tochter kaum thematisiert, geschweige denn betrauert, und man ging gewissermaßen zur Tagesordnung über. Die Mutter bekam jedoch eine Depression, die für einige Monate die Familie belastete, ohne daß dies thematisiert wurde. Wie die weiteren Gespräche ergaben, hatte die Ehefrau eigentlich geplant, ihren Beruf wieder ein Stück aufzunehmen, indem sie eine angebotene Halbtagstätigkeit einlösen wollte, was infolge der Depression nicht realisierbar wurde. Die eingeschlossene Trauer über den Tod des Kindes wie auch die nachfolgende Depression hatte die Ehefrau, wie herauskam, in eine vorwurfsvolle Projektion gegenüber dem Ehemann verwandelt: nämlich daß dieser ihr eine berufliche Identität versagen würde, was erklärtermaßen keineswegs die Absicht des Ehemanns gewesen war. Dennoch wurden diese Vorstellungen der Ehefrau vom Partner unbewußt übernommen und verdichteten sich dann als quasi eigene Vorstellungen, die er mit extremem Aufwand an beruflicher Arbeit entgegenzuwirken suchte. Die Totgeburt dieser zweiten Tochter mit diesem geradezu generalisierten Verschweigen hatte in der Familie so eine Art "negative Trance" bewirkt, mit der Folge, daß sich allmählich eine Blockade des gefühlsmäßigen Austausches etablierte. In der Aufstellung wurde sehr deutlich, daß die große Tochter in ihren pathogenen Reaktionsweisen der Eß-Störung nicht nur intensiv auf die mangelnde Zuwendung der Eltern reagierte, sondern auch, gewissermaßen stellvertreterhaft, um das tote Kind trauerte. Um die unterbliebene Trauer nachzuholen und damit den "Fluch", der auf der Familie lastet, aufzuheben, schlug ich der Familie vor, ein gemeinsames Trauer- und Lösungsritual zu entwickeln und durchzuführen. Wie mir die Familie berichtete, hatten sie daraufhin an einem geschützten Platz in ihrem Garten einen Rosenstock gepflanzt, sich darum versammelt, sich an den Händen gefaßt und eine Kerze im Gedenken an dieses tote Kind entzündet.

Die Symptomatik der kleineren Tochter hatte sich nach der zweiten Sitzung, nach dem zirkulären Fragen, schon ein Stückchen gebessert, als nämlich für die Familie schockierend ihre zum Teil sehr negativen Projektionen von einander laut geworden waren und die Mutter in der Folgezeit liebevoll auf die kleine Tochter zugehen konnte. Nach diesem Ritual hatte die kleine Tochter aufgehört einzunässen, bzw. kam es noch zweimal dazu, als die Eltern einen Streit offen austrugen.

Die Eltern haben beide angefangen, auf die große Tochter zuzugehen, was diese aber zunächst mit erheblicher Skepsis betrachtete und sich erst noch mal ein Stück mehr zurückzog, ohne darüber kommunizieren zu wollen. Für einige Zeit hatte es den Anschein, als sei die Anorexie noch im Zunehmen. Auf meine Empfehlung wandte sich die ältere Tochter dann an eine Spezialeinrichtung für Eß-Störung, wo sie nach relativ kurzer Zeit wieder entlassen werden konnte, weil sie zügig wieder zu einem normalen Eßverhalten zurückgekehrt war.

Über einen längeren Zeitraum blieb im Zentrum des familiären Austausches, der zunehmend lebendiger, gefühlsnaher und authentischer wurde, der Tod und das Verschweigen dieses Kindes, wie auch der Umstand, daß das Nicht-Trauern ein regelrecht eigenständiges Agens in der Familie geworden war, welches einen Mythos des Zurückhaltens und Verschweigens von Gefühlen zur Folge hatte. Die Familientherapie kam zum Abschluß mit dem Entschluß der Eltern noch drei Stunden Paartherapie bei mir zu unternehmen, um dabei zu klären, wie die Ehefrau wieder ein Stück in die Berufstätigkeit finden, gleichzeitig auch die Fürsorge für die Kinder in adäquater Weise stattfinden könne. Unter anderem entschlossen sich die Eltern ein Au-pair-Mädchen in die Familie zu nehmen, was von den Kindern mit Begeisterung aufgenommen wurde. Bemerkenswert im Rückblick war, daß etwa nach der zehnten Stunde der Therapie beide Kinder sehr zueinander gerückt sind, sich geradezu ein Stück gegen die Eltern verschworen haben. In den Folgestunden sind sie auch gemeinsam, wie mit einer Stimme sprechend, sehr streitbar und einfordernd auf die Eltern zugegangen, was diese zunächst irritierte, sie aber dann veranlaßte, ihrerseits mit den Kindern in Diskussion zu treten, und dabei sehr gefühlsmäßig authentisch und nah reagieren konnten. Etwa um die fünfzehnte Stunde formierte die Familie im recht lebendigen Austausch untereinander regelrecht eine Front gegen mich, was mich momentan durchaus verunsicherte, aber in der nachträglichen Reflexion als wichtiges Kriterium für den wieder funktionierenden Zusammenhalt anzusehen war. Dieser Umstand wurde dann Thema, und in der Folge signalisierte sich die Gesundung und neue Balance des Systems. Bis zur zwanzigsten Stunde war die Familie in einer Frequenz von vierzehn Tagen in meiner Praxis gekommen. Die letzten drei Stunden fanden vereinbarungsgemäß in zweimonatigem Abstand statt, sodaß auch genügend Erprobungszeit für die wiedergewonnene Stabilität und die neue Kommunikationsfähigkeit blieb.

Verschreibungen

Ein sehr wertvolles und wichtiges therapeutisches Instrument ist bei alledem die sogenannte Verschreibung. Dabei wird, wie in der typischen ärztlichen Praxis, ein verbales Rezept ausgestellt, das heißt, die Familie muß einen ganz bestimmten Auftrag, auch wenn er ihnen unter Umständen schwierig oder absurd erschiene, ausführen. In unserem Fall war eine der Aufgabenstellungen an die Eltern, die Kinder konsequent zweimal am Tag nach ihren Gefühlen, Empfindungen und Meinung zu fragen und diese ohne Kommentar entgegenzunehmen. Sie sollten dann das Wahrgenommene jeweils wiederholen und sicherstellen, daß sie die Äußerungen der Kinder auch recht verstanden haben. Dann sollten sie sich in Gegenwart der Kinder austauschen, wie die entsprechenden Vorstellungen und Wünsche innerhalb des normalen familiären Bezugsrahmens durchführbar wären.

Eine andere Verschreibung ging z.B. an das Paar: Sie sollten sich jeden Morgen zehn Minuten lang darüber austauschen, wie der nun kommende Tag ablaufen solle, welche Schwierigkeiten und Probleme zu erwarten wären, und wie die Planung sei, bzw. das eine oder andere gelöst werden könne.

Nach dem gemeinsamen Abendessen sollten sich die Eltern wieder für eine Viertelstunde zusammensetzen und wechselseitig über den Verlauf des Tages einander berichten, vor allen Dingen einander das gefühlsmäßige Tageserleben möglichst genau beschreiben.

Anmerkung

Allgemeine Problemstellungen in Familien mit behinderten Kindern oder Kranken

In Familien mit behinderten Kindern oder chronisch Kranken läßt sich des öfteren feststellen, daß die unmittelbaren sozialen Systeme, in denen ein Betroffener lebt, wie Familie oder Partner, in Abhängigkeit von der Dauer der Erkrankung, in sehr spezifischer Weise zu reagieren pflegen. Zunächst entsteht typischerweise ein Verhaltensrepertoire, das sich auf die krankheitsbedingten oder auf die behinderungsbedingten Notwendigkeiten und Bedürfnisse fokussiert. Infolgedessen wird das eigene Verhalten den Erfordernissen entsprechend modifiziert und konstant berücksichtigend abgestimmt. Im Laufe einer Langzeiterkrankung oder einer potentiell irreparablen Behinderung jedoch wandelt sich die Reaktionsweise des inneren Erlebens wie des Umfelds, in dessen Mitte der Kranke sich befindet, häufiger in grundsätzlicher Weise. Der Erkrankte — ich will ihn Indexpatient benennen — bleibt nicht mehr nur das Objekt rücksichtnehmender Aufmerksamkeit und besonderer Fürsorge, vielmehr installieren sich um ihn neue, keineswegs erkrankungsbedingte äußere wie innere Verhaltens- und Reaktionsmuster. Solche Familien entwickeln zunehmend die Neigung, Konflikte, wie z.B. Partnerschaftsprobleme, sexuelle Schwierigkeiten oder auch Berufsprobleme nicht mehr adäquat zu lösen, sondern in einer Art aktionistischer Überfokussierung auf den Behinderten hin zu verdrängen. Nicht selten entwickelt sich dabei eine Haltung von Resignation und Hoffnungslosigkeit sowie auch einer latent aggressiven Gereiztheit bis hin zur Depression. Dieses Reaktionsmuster bewirkt, daß nach innen wie nach außen alle Lebensäußerungen des Behinderten oder eines kranken Kindes in besonderer Weise problematisiert werden und in der Folge nicht selten potentielle Entwicklungsmöglichkeiten für das Kind verzögert oder sogar ausgeschlossen werden. Dies wiederum hat zur Folge, daß nicht selten eine Art Wagenburgmentalität und ein quasi paranoides Bedrohungsempfinden gegenüber dem äußeren Kontext entstehen. Die Behinderung oder Symptomatik des Kindes oder des Erkrankten ist unversehens zu einer "Krankheit" der Familie geworden. Daraus manifestiert sich eine "maligne Dialektik", wo häufig zur Vermeidung eines Relevantwerdens der verborgenen intrafamiliären Konflikte notwendigerweise eine Unveränderbarkeit des kindlichen Krankheitsgeschehens definiert wird und aufrechterhalten werden muß. Dieses destruierende Beziehungsgefüge beginnt sich üblicherweise erst dann zu lösen, wenn der äußere Kontext interveniert oder eines der Familienmitglieder in anderer Weise erkrankt oder das System zu verlassen droht.

Literaturverzeichnis:
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Moskau G. ,Müller G., Virginia Satyr, Wege zum Wachstum, Handbuch für die therapeutische Arbeit mit Einzelnen Paaren & Familien, 2002
Ruesch, Bateson G., Kommunikation. Die soziale Matrix der Psychiatrie, 1995
von Schlippe A, Schweizer J., Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung, 1996
Schuckall R., Untergang der Titanic,Abschlussarbeit IKT, 1999
Schuckall R., Depression und Ess-Störung, Naturheilpraxis, 2000
Schuckall R., Kunsttherapie bei der Behandlung von Ess-Störungen, 2000
Selvini M., Maria Selvinis Revolution; Entstehung des Mailänder Modells, 1992
Simon F., Rech-Simon C, Zirkuläres Fragen, Systemische Therapie in Fallbeispielen, 2001
Weber G., Zweierlei Glück, Die systemische Psychotherapie Bert Hellingers, 1995
Welter-Enderlin/Hildenbrand B., Rituale-Vielfalt in Alltag und Therapie, 2002

Erschienen in: http://www.naturheilpraxis.de

Anschrift der Verfasserin:
Rosemarie Schuckall
Richelstr. 6
80634 München
Internet: www.Schuckall.de
E-Mail: r.schuckall@schuckall.de
Systemische Paar- u. Familientherapeutin, Mitglied der Systemischen Gesellschaft, Kunsttherapeutin
Systemische Paar- und Familientherapie, Hypnotherapie, Bildnerisch-analytische Psychotherapie

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