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Kinder in der Naturheilpraxis

Kunsttherapie bei kindlichen Traumaerlebnissen

von Rosemarie Schuckall

Dass Kinder gerne und intensiv malen, sich dabei so stark in ihre Bilder vertiefen und in ihnen aufgehen können, dass sie vollständig in eine eigene innere Welt aus Helden Mythen und Märchenfiguren abtauchen, (um sich mit ihnen zu identifizieren), hat jeder schon erlebt, der selbst Kinder hat oder sich zumindestens an die eigene Kindheit erinnern kann. Dabei ist dieses Eintauchen über das Malen tiefer und ganzheitlicher als es die typische Erwachsenenwelt mit ihrer Überdimensionierung von Geist und Intellektualität, sich je vorstellen könnte. Was auf dieser Ebene tiefer Phantasiewelt, die gleichsam eine Welt in der Welt bedeutet, real stattfindet, ist deshalb so plastisch, weil Kinder noch über die Fähigkeit verfügen, ihr Erleben mit all ihren Sinnen auszugestalten, um es damit vieldimensional lebendig werden zu lassen. Das hierfür geeignete Wort wäre nur unzulänglich als "Trance" zu umschreiben. Die Magie der Imagination dieser Bildlichkeit der inneren Welt lässt es zu, dass Böses bekämpft und dass Gutes zugelassen wird. Erlaubt es, dass Unmögliches möglich wird, dass Ungerechtigkeit sich in Gerechtigkeit verwandelt, dass Schwache stark werden und dass Starke in der stimmigen Weise schwach werden können. Wer kürzlich ferngesehen hat, konnte den Film "Bogus" sehen. Einen Film, indem ein kleiner Junge seine Mutter verliert und sich dann nicht mehr in der Welt zurechtfinden kann. Er wird zu einer Tante geschickt, die ihn aber vernachlässigt. Aus einem Gefühl des Ausgestoßen- und gänzlichen Verlassen-Seins, beginnt er zu zeichnen, zu malen. Er beginnt mit seiner Zeichnung zu sprechen und entdeckt, in der von ihm geschaffenen Bilderwelt unversehens einen Partner, den er Bogus nennt. Dieses, durch seine Phantasie entstandene Wesen wird real und ihm zum Freund. Es entsteht in dieser "Zwischenwelt" ein so intensiver und "wirklicher Kontakt", dass nicht nur die Zwiesprache mit der verlorenen Mutter wieder möglich wird, sondern, dass das Kind von nun an Ohnmachtssituationen und sein Ausgeliefertsein gegenüber den Erwachsenen so weitgehend und vollständig ausblenden kann, dass ihm die Kontrolle und Mitbestimmung über sein Leben wiedergegeben wird. Das, was im Film als Hollywood-inszeniertes Unterhaltungsphantasma erscheinen mag, zeigt sich in der Wirklichkeit kunsttherapeutischer Kindertherapie als durch und durch reales Phänomen, so dass dieser Film in Wahrheit als eine Dokumentation über die inneren Möglichkeiten von Kindern im Umgang mit dem Medium Malen verstanden werden kann.

Die Kunsttherapie erweist sich als eine via regia zu den emotionalen Inhalten, welche sich der Rationalität, damit den Worten primär verschließen. So findet sie beispielsweise in Golemans Grundlagen-Arbeiten zur Emotionalen Intelligenz nachdrücklich Erwähnung. Goleman führt dabei aus, dass die Kunsttherapie dann besonders bedeutsam werde, wenn Traumen so tief gingen, dass sie zur Gänze verdrängt oder abgespalten werden mussten. Bei der Behandlung von Kindern mit postraumatischem Stresssyndrom (PTS) ermöglichen kunsttherapeutische Vorgänge einen Weg, an das im "Mandelkern (des Gehirns) eingebrannte Bild heranzukommen."(Zitat Goleman)" Das emotionale Gehirn ist stark auf symbolische Bedeutung eingestellt, was im übrigen Freud den "Primärprozess" genannt hat, nämlich die Welt der (rechtshämisphärischer) Metaphern, Erzählungen, Mythen und der Künste. Diese Erkenntnis hat heute dazu geführt, dass die Kunsttherapie konsequent in entsprechenden Einrichtungen bei der Behandlung traumatisierter Kinder integriert wird. Für manche Kinder bietet das künstlerische Agieren die einzige Möglichkeit, über ein grauenvolles Erlebnis zu kommunizieren, über das sie sich auf andere Weise nicht zu äußern wagen würden. In den Zeichnungen traumatisierter Kinder tauchen systematisch und typischerweise versteckte Hinweise auf die traumatischen Szenen auf. Die machtvollen, ja imperativen Erinnerungen, die ihnen zu schaffen machen, drängen sich in ihre Bilder in gleichem Maße, wie in ihre Gedanken. Außerdem hat das künstlerische Gestalten, wie oben erwähnt, als solches schon therapeutischen Wert. Bereits die Intention des Zeichnens initiiert den Beginn der Bewältigung des Traumas. Dalley analysiert die Position des therapeutischen Prozesses als "das Malen in der Gegenwart des Therapeuten ändert die Interaktion und die dynamische Balance. Das Malen bleibt so nicht länger Bestandteil des allgemeinen Spielflusses, sondern es wird zum Mittelpunkt der Therapie. Das Bild dient quasi als eine Art "Zwischenraum", das beiden Beziehungspartnern auch Schutz vor überflutenden Affekten gewährt." Wie konkret das Malen und Zeichnen traumatische Prozesse und Befangenheiten im kunsttherapeutischen Raum entstehen und verarbeiten lassen kann, werde ich anhand einer ausgewählten Falldarstellung demonstrieren. Der gewählte Fall stellt die Bilder und Geschichte eines vielfach traumatisierten Kindes vor, das quasi seit seiner Geburt mit schwersten Verlusten und Trennungen zu leben hatte.

Fallgeschichte:

Emanuel (Der Name des Kindes wurde aus Gründen des Persönlichkeitsrechts verändert.) ist ein zierlicher 8-jähriger Junge. Im ersten Kontakt wirkt er witzig und ausgesprochen intelligent. Er kommt mit der Diagnose eines "depressiven Syndroms", das sich symptomatisch mit unkontrollierten Aggressionsausbrüchen sich selbst gegenüber und auch Anderen gegenüber äußert. Physisch wirkt das Kind erschöpft und schwach.

Seit seiner Geburt hat er einen langen Leidensweg mit vielen Trennungen hinter sich. Als Frühgeborener wurde er direkt nach der Geburt mehrere Monate von der Mutter getrennt. Dann musste er in seiner Frühzeit auch einige Operationen über sich ergehen lassen, so dass schon zu Beginn seines Lebens die Beziehungskontinuität zur wichtigsten Kontaktperson, der Mutter nachhaltig gestört wurde. Die Mutter, eine sehr junge, damals noch drogenabhängige Frau lebte zu dieser Zeit in Trennung vom Vater des Kindes und fühlte sich von ihren Lebensumständen restlos überfordert, was auch zu körperlichen Aggressionen gegen das Baby geführt hatte. Nachdem der kleine Emanuel nach Monaten Krankenhausaufenthalts schließlich wieder bei ihr zu Hause war, konnte sie mit ihrer eigenen Situation und mit dem kranken Kind überhaupt nicht mehr klar kommen. Sie gab den Sohn schließlich im Alter von 3 Jahren in eine öffentliche Einrichtung, wo der Junge fast bis zum Schulalter blieb. Von dort aus kam er dann zur väterlichen Großmutter ins Ausland, wo er für 1 Jahr blieb. Nachdem der Vater seine Verhältnisse in Deutschland geordnet hatte, nahm er den Jungen zu sich in seine neu gegründete Familie. Aber es lief auch dort alles anders als erwartet. Zu sehr war Emanuel in der Zwischenzeit schon von seinen häufigen Trennungen traumatisiert. Er hatte inzwischen schon ein pathogenes Verhaltensmuster entwickelt, das es schwer machte, ihn in einen normalen Tagesablauf, wie z.B. Schule und den damit verbundenen Anforderungen zu integrieren. Immer wieder wurde er massiv auffällig. Wir wissen aus der entwicklungspsychologischen Forschung, dass ja gerade in der Frühzeit Identität aufgebaut wird, d.h. das notwendige Selbstwertgefühl, was bei Emanuel nicht gelungen war. Abgeschoben zu werden, war wesentliches Kriterium in seinem Bewusstsein geworden. Seine einzige Möglichkeit, Hilfe und Aufmerksamkeit zu mobilisieren, war es aggressiv zu werden und intensiv psychosomatische und seelische Probleme zu produzieren. Vor diesem Hintergrund kam der Junge in die Klinik und zu mir in eine kunsttherapeutische Gruppe, in der er mit vier anderen Kindern zusammen ein Schuljahr verbrachte. In dieser Zeit erlebte ich ihn, entgegen allen Vorbehalten und diagnostischen Einschätzung, als ein ausgesprochen intelligentes, witziges und kreatives Kind. Er konnte seine Ideen mit den anderen Kindern teilen und hatte für die oft schwierigen emotionalen Situationen der Anderen ein ausgesprochen soziales Empfinden. Er war sehr beliebt in der Gruppe und ein wegen seiner ausgeprägten Phantasie beliebter Spielpartner, wenngleich Konfliktsituationen immer wieder auch stärkere Unruhezustände und Aggressionausbrüche in ihm mobilisieren konnten. Es gelang ihm aber spontan, alle Möglichkeiten der Kunsttherapie zu nutzen und er war erstaunlicherweise gut in der Lage, über seine Bilder differenziert zu reflektieren. Auch verstand er es, sich gut in die Bilder und Situationen der anderen Kinder hineinzuversetzen. Als ich ihn das erste Mal sah, wirkte er noch sehr scheu und wesentlich jünger als sein angegebenes Lebensalter, eher wie ein Kind im Vorschulalter. Er strahlte dabei eine enorme Bedürftigkeit aus, so dass es zunächst sehr schwer für mich war, ihn mit bedrohlicher Aggression in Verbindung zu bringen. Seine offene Art über seine Sorgen zu berichten, brachten eine anregende Stimmung in die Gruppe. Die anderen Kinder konnten sich durch sein Beispiel ermuntert auch mehr mit ihren eigenen Ängsten zeigen.

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Bild 1

Bereits mit den ersten Stunden steuerte Emanuel die wesentlichen Züge seiner Problematik an. Es muss vorausgeschickt werden, dass der Junge stets eine Anzahl von Kuscheltieren mit sich führte. Unter diesen hatte es ihm insbesondere eine Stoffgodzilla-Figur angetan. Emanuel hat sich offenbar mit dieser Figur im besonderen Maße identifiziert, und es gelang ihm über diese Figur sehr viele seiner negativen und aggressiven Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Vor diesem Hintergrund entstand sein erstes Bild. Es zeigt eine Godzillafigur, die alleine in der Wüste stand und von der etwas sehr Böses und Gefährliches ausging. Weiterer Bild-Bestandteil war, dass dieser Godzilla gerade dabei war, einen Fisch fangen, um ihn zu fressen, wie Emanuel es beschrieb. Auf meine Frage, woher denn der Fisch mitten in der Wüste komme, hielt er zunächst inne und meinte dann, "ja vom Meer". Ich fragte weiter, wo denn das Meer auf diesem Bild sei? Er deutete nach links hinten auf eine helle Fläche. Ich wandte ein "der hat also einen so weiten Weg gemacht, der Fisch von Meer her und nun soll er von Godzilla gefressen werden?" Emanuel überlegte offensichtlich angestrengt und meinte dann "naja der Fisch kann ja wieder ins Meer zurück, aber der Godzilla ist eben sehr gefährlich, daran müsste er vorbei, oder?" Und auf meine Frage, ob denn der Fisch nicht besser vielleicht ins Wasser anstatt im Wüstensand sein solle, antwortete er: "der ist ja wahrscheinlich sehr genügsam, der braucht immer nur einen Schluck Wasser, so kann er dann schon irgendwie überleben." Auch ohne den individuellen Hintergrund von Emanuels Entwicklung zu kennen wird dem Beschauer rasch klar, dass sich Emanuel mit dem Fisch identifiziert hatte und welcher Grad von Verzweiflung und innerer Heimatlosigkeit wie auch die Suche nach einem Platz sich in diesen Bezeichnungen und Beschreibungen äußerten. (Es war aus Emanuels Beschreibung gestisch klar geworden, dass er sich selbst als diesen Fisch sieht.) Nach meiner Intervention war Emanuel deutlich anzusehen, wie sehr er schockiert war, diesen Umstand der Geworfenheit in solche fatale Gegebenheiten auf einmal ganz klar zu sehen, genauso wie auch das Schicksalhafte, an dem es im Moment wohl nichts zu rütteln gab. Er war nach der Besprechung dieses Bildes ausgesprochen nachdenklich, ja traurig. (Bild 1)

Im Vorgriff auf weitere Stunden wurde dann immer klarer, dass der Fisch, der von nun an auch in den folgenden Bildern eine zentrale Rolle spielen sollte, ein treffendes Symbol für Emanuels eigene Lebenssituation bedeutete. Das, was noch so metaphernhaft und anfangs eher kryptisch angedeutet war, wurde dem kleinen Jungen sukzessive immer deutlicher, nämlich, dass er sich in einer feindlichen Umgebung, weit weg von seinem eigentlichen schützenden Lebensraum (dem Wasser) befand, und dass ihn sein bisheriges Leben, gelehrt hatte, mit wenig Lebensmitteln, nämlich dem "Schluck Wasser" auszukommen und zu überleben. Die permanente Bedrohung seiner Existenz wird im Monster "Godzilla", das den Fisch fressen will, ausgesprochen plastisch. Wie weitere Stunden ergaben, bezeichnete diese Figur sowohl die Aggression von außen, wie auch die, die in ihm selbst entstand und für die es keine Möglichkeit des nach außen Dringens gab.

Bereits in der zweiten Stunde nahm Emanuel das Thema wieder auf und begann für sich Möglichkeiten zu kreieren und mit diesem Sujet zu experimentieren, entdeckte er dabei neue Blickwinkel und emotionale Möglichkeiten. Das Thema Wasser wird dabei ein unwidersprochenes Synonym für das Leben schlechthin, wie er immer wieder neu modifizierend klarmacht. In dieser Zeit hatte der kleine Emanuel viele Comics gelesen und dabei die Geschichte der Titanic entdeckt. Er verstand die Geschichte zunächst so, dass dies ein Luxusdampfer für reiche Menschen war, denen alle Annehmlichkeiten des Lebens zur Verfügung standen. Die historische Geschichte ihres Untergangs schien er zunächst gänzlich auszublenden. Vielmehr identifizierte er sie als ein Synonym für Sorglosigkeit und Lebensumstände, "wo alles ist, wie man sich's wünscht." Er war sehr zufrieden mit seiner Idee und führte sein Bild der Gruppe mit Freude vor. Er erklärte hierzu: "Da unten (rechts) ist ein Schiff (im Anschnitt) darauf steht "Titanic", hier (in der Mitte links oben) schwimmt ein Haifisch, der einen kleinen Leuchtfisch, der vor ihm herschwimmt, fressen will. Unter diesen beiden Fischen schwimmen (in der Mitte) noch zwei Fische." Ich frage ihn, ob die Titanic da schon unter Wasser ist, und er meint entsetzt "nein!!, auf dem Wasser."

Ich wundere mich über dieses Sujet, denn ich sah auf einen Blick, da schwimmen ja die Fische in der Luft und können somit nicht überleben.

Er bemerkt, eher beiläufig, dass das Schiff Titanic entweder unter Wasser stehe, damit die Fische schwimmen könnten, und "damit auch leben" oder die Titanic auf dem Wasser schwimme, und die Fische "eigentlich wiedermal kein Wasser haben" - "und damit nicht lebensfähig sind", was er gestikulierend, ausgesprochen ernsthaft und nachhaltig betonend ausdrückte. In den Beschreibungen und Äußerungen die Emanuel zu diesem Bild noch weiter beschrieb, war eine intensive und nahegehende Verzweiflung, mit Gefühlen von starker Unruhe spürbar geworden, so wie auch der intensive Wunsch, etwas an dem Dargestellten korrigieren zu wollen, darauf Einfluss zu nehmen. Nicht nur, dass diese Thematik in besonders guter Weise zum Ablauf der Stunden gepasst hatte, so verdichtete sich immer mehr, dass Emanuel ein Motiv gefunden und offenbart hatte, das offensichtlich die tiefere Dimension seines Erlebens zu thematisieren schien. Wie harmonisch und stimmig eine Situation, ein Lebensumstand auch sein mag, - alledem ist nicht zu trauen, denn beim näheren Hinsehen, lassen sich die Fallstricke und potentiellen Gefahren sehr rasch identifizieren.- Es gibt keine Harmonie, sondern allenfalls einen Ruhe simulierenden Patt-Zustand, wie die spätere Interpretation (durch den jungen Patienten) zeigen sollte.

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Bild 2
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Auch hier spielt der Fisch in Gefahr (Patienten-Selbstbild) wieder eine wichtige Rolle. Diesmal jagt ihn ein Hai, der in fressen will. Auch das Wasser spielt hier wieder eine zentrale Rolle, als Lebenselexier von Fischen (Synonym für adäquaten Lebensraum). Allerdings muss dieser Lebensraum in der richtigen Weise konstelliert sein, sonst ist er nur fiktiv, lediglich eine potentielle Möglichkeit oder mögliche Dimension. (Bild 2)

Im Gegensatz zu seinem Realleben kann Emanuel im Sujet, in der Bildgestaltung autonom und seinen emotionalen Bedürfnissen entsprechend "seine Lebenswelt" soweit umgestalten und modifizieren bis sich die adäquaten Lebensumstände eingestellt haben. In dieser imaginativen und jetzt zur Realität werdenden Möglichkeit selbstständiger Korrektur, birgt sich psychologisch der erste (und entscheidende) Schritt zur Musterunterbrechung (in seinem Selbsterleben). Dabei unterscheidet das Kind, und dies sind seine besonderen Möglichkeiten, nicht zwischen Imagination und (vermeindlicher) Realität. Er kann aktiv und selbstbestimmend die Lebenswirklichkeit herstellen, die er zur Konsolidierung und für das "Prinzip Hoffnung" (Benedetti) braucht. Dabei geschieht unversehens der gleiche Effekt, den erfahrene Psychotherapeuten z.B. in Hypnose initiieren, um neue Zukunftsperspektiven (incl. der dazugehörigen Handlungsaufforderungen) in Gang zu setzen. Das Kind entpuppt sich dabei in seiner genuinen Fähigkeit zur Selbsthypnose. An diesem kleinen Exkurs zeigt sich die intentionale Nähe der kunsttherapeutischen Offerte zur Theorie und Praxis der Erickson'schen Hypnotherapie. In der Erwachsenen-Kunsttherapie werden beide Methoden deshalb auch häufig kombiniert.

Einige Wochen nach dieser Stunde hatte sich Emanuel recht gut auf der Station eingelebt und malte nun leidenschaftlich und gerne, so dass es eine richtige Freude war, ihm dabei zuzuschauen. Er war stets sehr intensiv mit seinen Arbeiten beschäftigt und identifizierte sich in eindringlicher Weise mit seinen "guten wie bösen Figuren". Manchmal entstanden in einer Therapiestunde bis zu acht Bilder. In der folgenden Zeit, bezog er sich immer wieder auf die Godzilla-Figur, mit der er eine Vielzahl wichtiger Erlebnisse und Erinnerungen auf bildnerische Weise verarbeiten konnte. Auf einem der Bilder lässt er z.B. Godzilla einen viel größer wirkenden Affen "erledigen", wie er sagt. Er meinte dazu, ganz selbstbewusst, dass der Affe zwar größer als Godzilla wirke, aber: "der ist trotzdem stärker und kann den Affen töten, wenn er will". Es ging ihm in diesem Sujet um Gefühle von Rache und aggressivem Widerstand, welche eine lokalisierbare Quelle hatten und die, aus der inneren Thematik heraus, auch konsequent und in nachfühlbarem Affekt ausagiert werden konnten,- im Gegensatz zu seinen autoaggressiven und diffus destruierenden Gefühlsstürmen in der Vorgeschichte. (Bild 3)

Für Emanuel bedeutete diese Auseinandersetzung mit einem größeren Wesen auf dem Papier und in seiner Phantasie eine Möglichkeit erhielt, das alte Muster der ständigen Unterlegenheit korrigieren zu können. Der Stellvertreterkampf, "mit den Monstern" wird zur standpunktbewussten und aktiv initiierten Auseinandersetzung mit den stärkeren Erwachsenen, bzw. den vormals unidendifizierbaren Angstquellen durch diese Personen, und natürlich auch gegen deren unvorhersehbares und Ohnmacht auslösendes Verhalten, wie meine Nachfrage dann ergab. Außerdem konnte er, indem er seine eigenen Aggressionsempfindungen auf die Monster übertrug, nicht nur ein neues Selbstbild konstellieren und akzeptieren, sondern Aggression auch als adäquate Reaktionsweise erfahren, die gezielt eingesetzt werden kann. Diese Dissoziierung war für Emanuel außerordentlich wichtig, da er sich auf diese Weise gut von den ihn quälenden, diffusen Aggressionen ein Stück weit befreien konnte, was ja für seinen Gesundungsprozess ausgesprochen notwendig war.

Immer mehr wurden (mit weiteren Bildern) diese Kämpfe mit und unter den "Monstern" mit früheren Erinnerungen durchwebt, wo Wiederbeleben und plastisches Durcharbeiten seiner Traumen und Kränkungen möglich wurden. Obwohl es sich um eigene Affekte handelte, fand die Auseinandersetzung doch "anstelle" statt. Die Figuren agierten, hatten Gefühle, fungierten als Täter und als Opfer, empfanden Schmerz, Verletzung und Trauer. Der Grad der Identifikation blieb dabei schwebend und fasste erst dort zu, wo Lösungen als ich-adäquat und stimmig auftauchten. Erst der bildnerisch geschaffene Raum ermöglichte die Externalisierung all dieser Affekte. Das Faszinierende daran war die unmittelbare Beobachtung einer realen Nachreifung, einer tatsächlichen Entwicklung nur aus sich selbst heraus, mehr oder minder ungeleitet und doch in genau nachvollziehbaren Schritten existent und gefühlsmäßig wirklich. Das eigentliche Faszinosum dabei war die Wahrnehmung, dass die postulierten Selbstheilungskräfte als eine Kraft im Menschen tatsächlich existieren und wirken.

Ein anderes Bild Emanuels behandelte eine Geschichte in einem dunklen Labyrinth. Hierzu erzählte er: " Der Dino (rechts im Bild) ist der König und Herrscher dieses Labyrinths. Er besitzt einen magischen Stein, den blauen Stein, (rechts), mit diesem Stein, den er immer gut bewacht, kann er Menschen verzaubern und so Macht über sie bekommen. Dahinten, (links im Bild), befindet sich der Weg ins Labyrinth. Der Weg ist markiert, damit man die Schwierigkeiten, die damit verbundenen sind, erkennen kann, die die kleine blaue Figur (unten links) auf ihren Weg hierher über sich ergehen hat lassen müssen, als sie in das Labyrinth eintrat. Das kleine Männchen ist ein ganz gewöhnlicher Mensch, der da gerade ankommt. Er glaubt nicht an die Magie des Steines, mit dem der Dino ihn zum Monster verzaubern kann. Auch das einäugige Monster, im Bild (Mitte) war mal solch ein normaler Mensch, der auch nicht an die Magie dieses Steines glaubte, bis ihn der Dino aber dann verzauberte und er ein einäugiges Monster wurde." Dass diese komplizierte Geschichte als Metapher für Emanuels Lebensweg zu verstehen war lag nahe. Die Einäugigkeit des Monsters wurde von Emanuel immer wieder betont und sollte ganz offensichtlich ein Symbol für den Verlust des Blickwinkels und der Wahrnehmung für den Mangel der Erwachsen stehen, die bedrohlichen Zusammenhänge in denen er lebte, zu sehen. Es lag nahe, die drogeninduzierten Veränderungen seiner Mutter hier mit in Verbindung zu bringen. Emanuel machte hierzu mehrfach, wenn auch sehr diffus Andeutungen. Auch der in späteren Bildern auftretende Eisberg wurde in diesem Sinne zum Symbol für die Ignoranz und Einäugigkeit der Erwachsenen. Bei alledem drängte sich der Eindruck auf, dass die jeweiligen Situationen und Figuren quasi wie ein Genogramm ausgelegt waren. Hegeman stellt in seinem Buch "Familienmedizin für die Praxis" (Schattauer Verlag) hierzu fest. "Unsere Herkunftsfamilien beeinflussen unser Leben auf unterschiedliche Weise: durch ihre Gene, ihre Mythen, ihre Verhaltensmuster, ihre eigene Art, mit Gesundheit und Krankheit umzugehen. Wenn man sich mit einem Partner zusammentut, nimmt man auch sein "Familiengepäck" an Bord. Es werden auf diese Weise Muster der Familienbeziehungen von einer Generation zur anderen weitergegeben. Diese Mechanismen laufen auf einer genetischen, sozialen, bewussten und einer unbewussten Ebene ab. Die meisten Familien haben ihre Mythen, die sie hegen und pflegen. Diese Mythen programmieren dann quasi unser tägliches Skript oder Drehbuch und damit auch unsere Hoffnungen, Sorgen, unser Handeln und unseren gesamten Umgang mit uns selbst und mit der Welt."

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Emanuel warf auf diesem Bild, primär unbewusst einen Blick auf die Mythen seiner Familie. Er schien eine Intuition dafür zu haben, dass die Dimensionen, Schwächen, Fehler etc. aus den Gegebenheiten seiner Herkunft eine wichtige Rolle spielen müssen. Es würde den Rahmen als Arbeit sprengen die weiteren Entwicklungen aus dieser Geschichte im Detail zu beschreiben, zusammenfassend kann aber gesagt werden, dass der blaue Zauberstein das Gefahrenmoment im Familiengeschehen bedeutete, das es galt, (u.A. die erwähnte Drogengeschichte der Mutter) immer im Visier zu behalten. (Bild 4)

Nun ein erneuter Sprung auf der Zeitachse: Eine überraschende Situation kam dann in der zehnten Stunde auf mich zu. Seit Wochen schon malte Emanuel immer wieder Szenen mit Fischen, Wasser und Booten etc.,(zwar malte er auch noch viel und oft im Detail seine geliebten Monster), aber unübersehbar wurde nun die Titanic mehr und mehr sein Hauptthema. Emanuel hatte sich in den Ferien den Film "Titanic" angesehen, kannte nun die ganze Geschichte der Schiffskatastrophe und erzählte den anderen Kindern davon. Intensiv wurde in der Gruppe darüber gesprochen, warum denn die Titanic sinken musste. Fragen wurden gestellt, ob man den Eisberg früher hätte sehen können, und warum keiner die Gefahr rechtzeitig wahrgenommen hatte? In diesem regen Austausch entstanden in der Gruppe zahlreiche außerordentlich lebendige und schöne Bilder. Immer wieder konnte man in den unterschiedlichen Geschichten entdecken, wie stark sich auch die anderen Kinder der Gruppe mit ähnlichen Themen, Überlegungen und Überlebensstrategien wie Emanuel beschäftigten. Die Titanic war plötzlich zu einem Gruppensymbol, ja zu dem Synonym für den Überlebenskampf schlechthin geworden, zu einem kollektivem Sprachmodul für die innere Not und Sprachlosigkeit, aber auch für den Ort hier, wo die Kinder sich gegenseitig verstanden, verbunden in dem Gefühl, in einem Boot zu sitzen und gemeinsam auf die Gefahren, die einem im Leben begegnen können, zu achten. Besonders anschaulich werden diese Gefahren im Bild des Eisbergs, wo die größte Gefahr unter Wasser = also nicht bewusst, verborgen ist. Emanuel stellte in dieser Stunde stolz sein entstandenes Titanicmotiv vor. Ein in sich geordnetes Bild, das alle Dimensionen in klarer und übersichtlicher Ordnung und Proportion darstellte. Es war wirklich bemerkenswert, wie sehr sich seine innere Sicht innerhalb von 8 Stunden verändert hatte. Er malte ja in der 2. Std. eine Titanic, die viel Verwirrung und Dimmensionslosigkeit ausdrückte. Er wollte damals unbedingt, dass sein Boot auf dem Wasser schwamm, aber bei seiner Anlage des Sujets hätten sich seine Fische in der Luft bewegt, und umgekehrt wären die Fische im Wasser geschwommen, hätte das Schiff schweben müssen - also eine aussichtslose Bedingtheit. Die tatsächliche Schwere und traumatische Dimension seines seelischen Erlebens zu Anfang konnte ich erst jetzt, mit diesem Bild und im Vergleich begreifen.

Zeigte das initiale Bild eine völlige Auflösung konventioneller Grundbedingungen von Individualität und Lebensraum, zeigten sich jetzt Lebensbedingungen, wo Möglichkeiten, Chancen wie auch Gefahren klar trennbar und identifizierbar wurden. Auch wenn Gefahr und Bedrohung nicht zu beseitigen sind, stehen sie doch als feste Größe und damit quantifizierbar im Raum. Es eröffnet sich damit die potentielle Möglichkeit in der weiteren Zukunft einen Lösungsweg zu suchen und zu finden, während beim Initialbild jedweder Ausweg ausgeschlossen schien. Noch ganz deutlich erinnerte ich mich an Emanuels tiefe Gefühle von Unglück und Ausgeliefertsein, die er mir damals vermittelt hatte, welche mich selbst zutiefst involvierten und tagelang beschäftigten. Seine heutige Titanic aus der 10. Std., schwamm hingegen stolz und komplett auf dem Wasser, hatte ein Beiboot, rauchende Kamine, damit sie auch "volle Kraft vorausfahren" konnte. Die kräftigen, z.T. gefährlich aussehenden Fische schwammen munter im Wasser, und alles befand sich auf dem richtigen Platz. Selbst der Eisberg war als potentielle Gefahrenquelle in einem beigefügten weiteren Bild deutlich zu identifizieren, so dass für Emanuel in dieser Projektion auch die Möglichkeit bestand, durch das Sichtbarwerden und die Reaktionsbereitschaft auf die Gefahr reagierend selbstständig einen Kurs einschlagen zu können, wie er immer wieder betonte. Es zeichnete sich für mich eindrucksvoll ab, wie sehr sich Emanuel in seinem Wesen stabilisiert, klarer und individuell eindeutiger entwickelt hatte und dies auch nach außen mehr und mehr sichtbar werden lassen konnte.(Bild 5 u. 6)

In den folgenden Stunden inszenierte und differenzierte Emanuel seine inneren Wahrnehmungen und Gefühle mit Hilfe immer neuer Titanicmotive. Er malte die Liebesszene aus dem Film Titanic, (wo das Liebespaar am Bug des Schiffes steht und die Arme ausbreitet, um den Wind zu empfangen.) Die ganze Gruppe summt dabei das Titaniclied, das er dazu angestimmt hat. Er ist offenbar in ein Mädchen in der Gruppe verliebt und spricht dies auch kaum versteckt an, zeigt ihr seine Zuneigung und erweist sich dabei als sehr charmant und durchaus ein Stück selbstbewusst. Diese innere Situation seiner offensichtlichen Verbindung zu seiner Freundin in der Gruppe zeigt ein Bild voller Stimmigkeit und Harmonie, alles am richtigen Platz, die Welt ganz offensichtlich geordnet, wenngleich er skeptisch äußerte, dass das "Leben nicht immer so ist". Er glaubte, dass "Glück nur ein Moment" sei. (Bild 7)

Und in der Realität hatte seine Skepsis hier tatsächlich auch recht, denn bereits die Wahrnehmung seiner unmittelbaren Situation in der Gruppe rechtfertigte eine solche Einschätzung. Der Abschied seiner Freundin war angekündigt und stand unmittelbar bevor, was ihn sehr traurig machte. Seine neugewonnene Freundin war mit ihrer Therapie zu Ende und sollte in den nächsten Wochen entlassen werden. Er reagierte darauf mit großer und durchaus adäquater Trauer wie auch einem feinen Gespür für diese schwierige Abschiedssituation, die er dann ausgesprochen sensibel und sehr involvierend in einem Abschieds-Titanicbild zum Ausdruck brachte. Er gab seinem Schmerz einen Ausdruck, indem er seine Titanic nur mehr zu Hälfte ausmalte und dabei ausgesprochen resigniert und mit einem tiefen Seufzer bemerkte: "sie geht ja doch". (Bild 8)

Wie ich einige Monate nach seiner Entlassung durch die Klinik erfuhr, hatte Emanuel selbstständig wieder Kontakt zu seiner Mutter aufgenommen, die ihrerseits wohl ausgesprochen zugewandt und interessiert reagiert haben soll. Diese Kontaktaufnahme hatte er über die mütterliche Großmutter planmäßig initiiert. (siehe Labyrinthbild- Genogramm). In der Zwischenzeit habe die Mutter ihr Drogenproblem wohl überwunden, hatte auch wieder Arbeit und eine eigene Wohnung.

Erschienen in: http://www.naturheilpraxis.de

Anschrift der Verfasserin:
Rosemarie Schuckall
Richelstr. 6
80634 München
Internet: www.Schuckall.de
E-Mail: r.schuckall@schuckall.de
Systemische Paar- u. Familientherapeutin, Mitglied der Systemischen Gesellschaft, Kunsttherapeutin
Systemische Paar- und Familientherapie, Hypnotherapie, Bildnerisch-analytische Psychotherapie

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